Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften

Die Presse, Beilage, 5.10.1979

Personen

Nora Helmer; Personalchef; Arbeiterinnen; Eva; Vorarbeiter; Sekretärin; Konsul Weygang; Ein Herr; Sekretär; Minister; Annemarie; Torvald Helmer; Frau Linde; Krogstad

Abdrucke

Erstdruck:

  • Je­li­nek, El­frie­de

    :

    Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften. In: manuskripte 58 (

    1979

    ), S. 98-116

    .

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Aufführungen

Lesung

Lesung aus dem Stück durch Jelinek bei der Autorenlesung am 17.4.1978, unveröffentlichte Eigenaufnahme der Österreichischen Mediathek.

Ausschnitt zu hören auf:

Was geschah nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften. Autorenlesung (Ausschnitt). http://www.mediathek.at/atom/1478E9A2-0E2-0053B-00000588-1477ECB5 (15.7.2014) (= Website der Österreichischen Mediathek).

 

Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften war nach dem Aktionsstück

rot­wä­sche

Jelineks erster Theatertext. Als Grundlage verwendete sie

Hen­rik Ib­sens

Dramen Nora oder Ein Puppenheim (1879) und Die Stützen der Gesellschaft (1877) in der deutschen Übersetzung von

Syn­ne Skouen

und

Wil­helm Zobl

(Verlag Kiepenheuer & Witsch).

Der Theatertext ist in 18 Szenen gegliedert, die an verschiedenen Schauplätzen (z.B. in der Fabrik, in Weygangs und Helmers Haus) spielen.

Das Stück thematisiert die ökonomischen und patriarchalen Machtverhältnisse (

Ka­pi­ta­lis­mus

,

Pa­tri­ar­chat

) in der

Ge­sell­schaft

und die Frage, inwieweit eine Emanzipation der

Frau

möglich ist. Jelinek zeigt, dass auch die Liebe nach ökonomischen Prinzipien funktioniert. Die Handlung ist in den späten 1920er Jahren angesiedelt, der Zeit des aufkommenden Faschismus. Neben den intertextuellen Bezügen zu

Ib­sens

Dramen weist der Text in seiner Konzeption auch Einflüsse von

Ber­tolt Brechts

Lehrstücken auf.

Nachdem sie ihren Mann verlassen hat (

Ehe

), ist Nora als

Ar­bei­te­rin

in einer Fabrik tätig. Bei einer Tanzeinlage im Rahmen einer Fabriksbesichtigung begegnet sie dem Firmenchef Konsul Weygang und wird seine Geliebte. Weygang instrumentalisiert Nora für seine eigenen Geschäftsinteressen an der Fabrik und treibt ihren Ex-Mann Helmer in den Ruin. Er erkauft sich Noras Schweigen, indem er ihr ein kleines Stoffgeschäft einrichtet, und Nora kehrt zu ihrem Ex-Mann zurück. Das Stück endet mit Marschmusik, die aus Helmers Radio ertönt und „Anklänge an den frühen deutschen Faschismus“ hat.

Anlässlich der Uraufführung beim steirischen herbst 1979 gab es Konflikte: Als die

Neue Kronen Zeitung

von einem offenen Brief berichtete, in dem Jelinek gegen die Inszenierung protestieren würde, gab Jelinek in der

Volksstimme

eine Erklärung ab, in der sie von „grundsätzlichen Kommunikationsschwierigkeiten“ mit dem Regisseur

Kurt Jo­seph Schild­knecht

schrieb, für die auch sie ihren „Teil der ‚Schuld’“ tragen würde.

Eine Fortschreibung des Stücks nahm Jelinek in ihrem 2013 entstandenen und am Schauspielhaus Düsseldorf uraufgeführten Theatertext

Nach No­ra

vor. Der Text war auf Anregung des Düsseldorfer Schauspielhauses entstanden. Er ist durch Leerzeilen gegliedert und weist keine Angaben zu Figuren, Zeit und Schauplätzen auf. Thematisiert werden darin die Arbeitsbedingungen von Näherinnen in Fabriken internationaler Textilkonzerne. Über ihre Quellen hat Jelinek diesem Text Folgendes nachgestellt:

„Teilhaber:

Der Spiegel

(Interview mit H&M-Vorstandschef und -Miteigentümer

Karl-Jo­han Pers­son

)“

Bei der Uraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus wurden

Ib­sens

Nora oder Ein Puppenheim und Jelineks Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte miteinander verschränkt.

Nach No­ra

bildete als Epilog den Abschluss der Aufführung.

 

Rita Thiele: Stichwort Faschismus: warum hast du dein Stück in den zwanziger Jahren angesiedelt?

Elfriede Jelinek: Weil ich mir immer Umgebungen und Zeiten suche, wo ich meine Versuchsanordnungen sozusagen auf die Spitze treiben kann. Gerade in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren gibt es so etwas wie einen Zeitknoten, wo sich sehr vieles politisch, ökonomisch und auch emanzipatorisch vorbereitet. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, verbunden mit der Arbeiterbewegung, mit der Emanzipationsbewegung, mit der Frauenwahlrechtsbewegung. Gleichzeitig können die ökonomischen Gegensätze gezeigt werden, die Zeit des beginnenden Faschismus, der ja auch, wie Ingeborg Bachmann sagt, in der Kleinfamilie und im Privaten entsteht, mit einem Ausblick auf die neuen Sündenböcke...

Auch die Zurück-an-den-Herd-Restauration, die mit der faschistischen Frauenpropaganda einsetzte...

Entscheidend ist, daß die Männer eben wissen müssen, daß sie sich selbst am schlimmsten ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie nicht freiwillig die Macht mit den Frauen teilen. Ich habe aus meiner NORA – sicher denunziatorisch – eine Komplizin gemacht. Für mich sind all die Frauen Komplizen der Macht, die nicht mit anderen Frauen solidarisch sind, sondern eben versuchen, durch die „Gnade“ der Männer etwas zu werden. Das ist ja immer schon mein Thema, auch in den LIEBHABERINNEN, gewesen, daß dann eben nur der Zufall darüber entscheidet, ob man Erfolg hat oder nicht.

Und außerdem habe ich mit meiner NORA auch an das Brechtsche Lehrstück anknüpfen wollen und hab’s auch deshalb in diese Zeit gesetzt. Ein Lehrstück könnte ich schwer in der unmittelbaren Gegenwart ansiedeln, weil heute die Gegensätze viel verwaschener sind; sie sind zwar noch da, aber da müßte ich wahrscheinlich stärker psychologisch differenzieren, und das ist nicht meine Sache.

aus: Rita Thiele:  „Ich bin Nora aus dem gleichnamigen Theaterstück von Ibsen“. In: Programmheft des Wiener Burgtheaters zu Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim, 1997.

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