Ramsau am Dachstein
Filmstill
Filmstill
Aufnahmeleitung:
Thomas Truppe
Redaktion:
Helmut Fürthauer
Regie:
Claus Homschak
Schnitt:
Eliska Stibrova
Ton:
Karl Hohenberger
Janke, Pia
(Hg.):
Die Nestbeschmutzerin. Jelinek & Österreich.
Salzburg
:
Jung und Jung
2002
, S. 161
.
Blimp: Vor langer Zeit hast Du einmal selbst einen Film gemacht, für’s Fernsehen. Kannst Du das beschreiben: Konzept und Echo?
Elfriede Jelinek: Es muß jetzt ungefähr 10 Jahre her sein – das war in der Serie „Vielgeliebtes Österreich“, wo man offenbar aus Prestige-Gründen einige österreichische Schriftsteller, Berufsschriftsteller, die eigentlich mit elektronischen Medien nichts zu tun hatten, zusammengefangen hat und sie Drehbücher schreiben ließ. Bezeichnenderweise wurde ja sehr bald nach meinem Film die Reihe eingestellt, es wurden, glaube ich, noch zwei Beiträge, die aber schon fertig waren, gesendet. Sie haben eben etwas unter einen Hut bringen wollen, was sich nicht unter einen Hut bringen läßt: kritische Künstler und Fremdenverkehrs-Interessen...
Also die Reaktionen werde ich nie vergessen, solange ich lebe: In einem Wirtshaus saßen 500 entmenschte Bauern, die mich steinigen wollten.
In dem Fall war’s so, daß der Fremdenverkehr in der Ramsau im Winter angehoben werden sollte, denn im Sommer hatten sie schon ihre Kontingente ausgelastet. Meine Aufgabe wäre es gewesen, dem Winter-Fremdenverkehr in der Ramsau auf die Sprünge zu helfen, was ich als „kommunistischer Idiot“ natürlich nicht begriffen hatte. Ich hab’ wirklich gedacht, ich soll einen kritischen Film über eine Landschaft machen. Dementsprechend ist natürlich auch das Drehbuch ausgefallen. Ich habe also „die glücklichen Schifahrer“, die man schon sieht, wirklich nur als Kontrapunkt verwendet; was ich gezeigt habe, waren die Leute, die von dem Boom, vom Hotel- und Pensionsbau, vom Pisten- und Schleppliftbau oben in der Gegend eben nicht profitiert haben. Das sind genau die Leute, die auch den Bauern – das waren ja alles ehemalige Bauern dort – ihre Höfe aufgebaut haben, wofür sie dann irgendwann im Altersheim gelandet sind, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten – das waren also die ehemaligen Mägde und Knechte.
Eine uralte Bauernmagd, die aber mit 86 Jahren immer noch im Hotel Geschirr abwaschen muß, um sich ihre Rente aufzubessern, die war eigentlich die Haupt-Figur. Ich habe also gezeigt, auf wessen Kosten dieser Boom ging. [...]
Ich habe ihnen im Grunde ja was Gutes getan, daß ich nicht den Winter-Fremdenverkehr propagiert hab’. Mir hat das aber natürlich nichts genützt, denn dieses Drehbuch ist auf wütende Proteststürme gestoßen, nicht nur dort in der Gegend, sondern auch hier beim ORF. Ich hab’ gekämpft um jeden Take, aber es wurde eigentlich auf Unkenntlichkeit zusammengestrichen und verändert. Dann hat man mir noch einen ÖVP-Werbefilm-Regisseur gegeben. Ich will nicht sagen, daß das ein schlechter Regisseur ist – ich will niemanden diskriminieren – aber es war halt ein fürchterliches Arbeiten.
aus: Heinz Trenczak / Renate Kehldorfer: Achtzig Prozent der Filmarbeit sind Geldbeschaffung. Ein Gespräch mit Elfriede Jelinek. In: Blimp 2/1985, S. 12-17, S. 12-13.
Ramsau am Dachstein war der fünfte Beitrag der ORF-Reihe Vielgeliebtes Österreich, in deren Rahmen 1975 bis 1977 14 einstündige Porträts österreichischer Regionen (
Österreich
) gezeigt wurden. Die Idee ging u.a. auf den Schriftsteller und ÖVP-Kulturpolitiker
Jörg Mauthe
zurück. Das Konzept der Reihe, die ein Zitat aus der Österreichischen Bundeshymne als Titel hat, war, österreichische SchriftstellerInnen einzuladen, ein Gebiet und dessen Besonderheiten vorzustellen.
Der Film, der den Fremdenverkehr in der Ramsau (Steiermark) ankurbeln sollte, wurde durch Jelineks Drehbuch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem
Tourismus
und seinen Folgen (Ausbeutung von
Natur
und Menschen, insbesondere von Frauen (
Frau
)) sowie mit den Klassenunterschieden in der
Gesellschaft
. Im Mittelpunkt steht die unterprivilegierte Schicht der (Saison-)ArbeiterInnen (
Arbeiterin
) und der bäuerlichen Hilfskräfte im Gegensatz zu den Besitzenden, denen es um Profit durch Tourismus geht (
Kapitalismus
). Zentrale Figur des Films ist die Magd Josefa, die über ihr Leben und ihre Arbeit auf den Bauernhöfen berichtet. Jelinek tritt auch selbst mehrfach auf. An unterschiedlichen Orten der Ramsau spricht sie u.a. folgende Sätze: „Das ist eine schöne Landschaft. Schönere Landschaften können aus ihrer Schönheit eher Profit schlagen als weniger schöne. Diese schöne Landschaft hat das rechtzeitig erkannt.“
Bereits bei der Entstehung des Films kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Jelinek und dem Regisseur
Claus Homschak
, der mehrere kritische Sequenzen des Drehbuchs in der filmischen Umsetzung entschärfte. Nach Ausstrahlung des Films protestierte nicht nur die Ramsauer Bevölkerung und der Tourismusverband, sondern auch die ÖVP.
Jelinek verarbeitete in der Folge Material des Drehbuchs, das nicht verwendet wurde, zu den Hörspielen
Porträt einer verfilmten Landschaft
(1977) und
Die Jubilarin
(1978). Die Auseinandersetzungen bei der Produktion des Films werden im Hörspiel
Porträt einer verfilmten Landschaft
thematisiert.