Ich bin ausgerechnet auf dem Weg zu Gott getötet worden, obwohl er gut beschildert und bestens geschildert ist. Da erblicke ich jetzt die Berge, die blauweißen. Aber kaum hatte ich mich danach umgeschaut, was Gott mit mir gemacht hat, war mir schon sein Sohn geboren worden. Dabei bin ich doch schon Gottes Kind! Bei dem weiß man ja nicht, zu welcher Spezies er gehört. Ob das vielleicht Töten war, was der Gott mit mir gemacht hat? Nein. Es scheint etwas andres gewesen zu sein. Aber auch unangenehm, obwohl ich keinerlei Erinnerung daran habe. Nur so ein Gefühl. Eins von denen, die mir bislang nicht einmal bis zur Kirche gingen. Man soll ja diejenigen, die auf dem Weg Gottes, oder gar von ihm selbst, getötet wurden, nicht voreilig für tot halten. Sie sind vielmehr lebendig, und zwar bei ihrem Herrn, und sie werden versorgt und verpflegt, auch wenn sie selbst Verpflegung werden müssen, egal wo, egal wofür, man sagt im Himmel. Für die Ahnungslosen. Wo ist das helle Licht, das mir ausdrücklich versprochen wurde, und wo ist dieser Tunnel? Irgendwann einmal, während dieses Aktes, der mir da mit Gott passiert ist, sagte er mir, ich solle aufpassen, da war es schon zu spät dafür, und ich solle auf der Erde ohne Wünsche sein, auch das hätte er früher sagen sollen. Trotzdem, was könnte ich mir schon wünschen, wo ich einen Gott gehabt habe? Er sagt, wenn ich jetzt auch noch sterbe, also das wäre der absolute Höhepunkt, wenn mein Sohn sterben würde, wäre es aber noch viel toller. Ich soll ihn hergeben, und das soll dann gleichzeitig meine Belohnung sein. Schließlich hat Gott ihn mir gezeugt. Dieser Typ, der immer so skrupulös ist, hat ausgerechnet mit mir einen Sohn gezeugt. Gewiß nicht, um einmal seinen musikalischen Darbietungen zu lauschen, die ja auch oft wie von einem Gott kommen, leider fehlt immer irgendwas, sei es die Lautstärke, sei es die Stärke überhaupt, sei es das Gefühl, keine Ahnung. Aber man darf da nichts verwechseln, glauben Sie mir! Dieser Gott hat sich seinen Sohn mühsam abgerungen und ihn in mich hineingesteckt, Sie haben recht gehört: den Sohn.
Jelinek verfasste die beiden Texte Irm sagt: und Margit sagt: nach Vorgaben von
Christoph Schlingensief
für die Schlingensief-Produktion Attabambi-Pornoland. Eine Reise durchs Schwein. Die Texte wurden für die mitwirkenden Schauspielerinnen
Irm Hermann
und
Margit Carstensen
geschrieben. Mit Bezug auf die mediale Inszenierung (
Medien
) der
Gewalt
des Irakkriegs (
Irakkrieg
) verhandelt der Text Ursprünge von
Krieg
und Religion. Attabambi-Pornoland. Eine Reise durchs Schwein war die dritte Station von
Christoph Schlingensiefs
„attaistischem Welttheater“ nach Atta Atta (2003) an der Berliner Volksbühne und
Bambiland
am
Wiener Burgtheater
(2003). Das „attaistische Welttheater“ stand im Kontext von
Schlingensiefs
CHURCH of FEAR.
In der Folge erweiterte Jelinek die beiden Texte durch Überarbeitung und Ergänzung von
Peter sagt:
zu
Babel
(2005).