Clara S.
musikalische Tragödie
Uraufführung an den Bühnen der Stadt Bonn, 1982
Uraufführung an den Bühnen der Stadt Bonn, 1982
CLARA S.; ROBERT S.; MARIE; GABRIELE D’ANNUNZIO, genannt COMMANDANTE; Luisa Baccara; Aélis Mazoyer; Donna Maria di Gallese, genannt Fürstin von Montenevoso; Carlotta Barra; Zwei Irrenwärter(Bullen)
Dazu etliche Dienstmädchen, eine junge Prostituierte aus dem Ort.
Jelinek, Elfriede
:
Clara S. In: manuskripte 72 (
1981
), S. 3-21
.
Jelinek, Elfriede
:
Clara S. In:
Nyssen, Ute
(Hg.):
Theaterstücke.
Köln
:
Prometh
1984
, S. 63-101
.
Jelinek, Elfriede
:
Clara S. In: Programmheft des Schauspielhauses Wien zu Elfriede Jelineks
1984
(Textfassung der Aufführung, die in Zusammenarbeit mit Jelinek erstellt wurde)
.
Jelinek, Elfriede
:
Clara S. In:
Jelinek, Elfriede
:
Theaterstücke. Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften. Clara S. musikalische Tragödie. Burgtheater (hg. v.
Ute Nyssen
). Krankheit oder Moderne Frauen (hg. v.
Regine Friedrich).
Reinbek
:
Rowohlt
1992
(= rororo 12996), S. 79-128
.
UA | 24.9.1982
, I:
Hans Hollmann
3.5.1983
Staatstheater Stuttgart
, in Koproduktion mit dem Theaterfestival München und dem
Festival d’Avignon
, I:
Ulrike Ottinger
(beim Festival d’Avignon 1983 in einer deutsch-französisch-italienischen Fassung von
Hugo Lima)
28.2.1984
, I:
Hans Gratzer
2.4.1986
, I:
Dieter Kaufmann
3.3.1988
, I:
Dieter Sudars
28.9.1989
Theater am Neumarkt
, Zürich
, I:
Dieter Sudars
26.4.1992
, I:
Kazuko Watanabe
9.3.1994
, I:
Dietrich W. Hübsch
27.3.1994
, I:
Beverly Blankenship
17.2.1996
Teatteri Kehä III
, Vantaa
, I:
Maiju Sallas
, Ü:
Jukka-Pekka Pajunen
28.9.1996
, I:
Kitty Buchhammer
16.11.1996
Elisabethbühne
im Petersbrunnhof, Salzburg
, I:
Karin Koller
27.9.1997
Teatr Lubuski
, Zielona Góra
, I:
Grzegorz Małecki
, Ü:
Sława Lisiecka
22.11.2004
, I:
Igor Gorzkowski
, Ü:
Sława Lisiecka
(szenische Lesung)
Übersetzte Werke
17.12.2004
Divadlo Komedie
, Prag
, I:
David Jařab
, Ü:
Barbora Schnelle
8.9.2005
Festival Apollonien
, Sozopol
, I:
Dessislava Shpatova
, Ü:
Vladko Murdarov
7.2.2007
, I:
Óscar Miranda
, Ü:
Miguel Sáenz
29.4.2007
Theater Ioan Slavici
, Arad
, I:
Dan Stoica
, Ü:
Dan Stoica
Jelineks Essay
Über Clara S. (1982)
Jelineks Essay
Ich schlage sozusagen mit der Axt drein (1984)
Jelineks Essay
Was fällt, das hält (für Frida Parmeggiani) (2016)
Jelineks Hörspieltext
Frauenliebe – Männerleben (1982)
Nicoleta Chatzopoulous
Oper
Clara S. Kammeroper nach dem gleichnamigen Theaterstück von Elfriede Jelinek (2007)
Für mich waren die in Claras Aufzeichnungen so reichlich vorhandenen Beschwörungen, daß noch keine Frau selbstschöpferisch tätig zu sein vermochte (warum also gerade sie, Clara Schumann?), immer nur verzweifelte Schutzbehauptungen vor dem Postulat der eigenen schöpferischen Phantasie, die, wie ein tauber Ast, zum Absterben verurteilt war. Noch ehe darauf etwas wachsen konnte. Clara muß, um nicht selbst wahnsinnig werden zu müssen ob ihrer versäumten Möglichkeiten, all die Wertvorstellungen der von Männern gemachten Kultur übernehmen, vor allen anderen den obersten Fetisch der bürgerlichen Kunst: die Originalität, die Kühnheit, das Neue, das nur der Mann vermag. Im Stück wird Clara zur Mörderin an ihrem Mann in dem Augenblick, da dieser, in der fröhlichen Freiheit des Wahnsinns, sich über diese ehernen Regeln hinwegsetzt und ein fremdes Werk für sein eigenes ausgibt. Zur vielleicht seltsam anmutenden Konstellation der Personen in diesem Stück: Mir war rasch klar, daß ich, um die komplizierten Zusammenhänge von männlich dominierter Kultur, Sexualität, Macht und Ausbeutung – wieder sexueller wie ökonomischer – exemplarisch (und nur das Exemplarische reizt mich) darzustellen, eine Konstellation von Figuren finden müsse, die sozusagen als Prototypen all dieser Mechanismen repräsentieren. Der Gipfel ökonomischer, kultureller wie, stets damit verbunden, sexueller Macht wird vom faschistischen Dichter Gabriele D’Annunzio, einem berühmten Frauenkonsumenten, en gros und en détail, verkörpert. Natürlich muß zu diesem Zweck eine Art Zeitsprung stattfinden, denn zum Zeitpunkt der Handlung war Robert Schumann weit über ein halbes, Clara fast ein halbes Jahrhundert tot. Um die Sonne D’Annunzio, der eine gelungene Mischung aus Reichtum, Ruhm und Geilheit darstellt, kreisen als Trabanten die Frauenplaneten, die einander entweder seinen körperlichen Besitz neiden, seine ihm hörigen Komplizinnen werden (weil von ihm in jeder Weise abhängig) oder aber von ihm etwas bekommen wollen (Geld, Protektion etc.), was sie wieder nur durch Körperhingabe erlangen können. Die Damen stellen sich dem Meisterdichter als tüchtige und sensible Künstlerinnen vor, und der Dichter will nichts als sie körperlich konsumieren. [...]
Clara, die Priesterin der Kunst ihres Mannes, übt zur Revanche auf ihn, der aus ihr einen „häuslich-gemütlichen“ lebenden Brutofen gemacht hat, mit der Zeit einen immer unmenschlicher werdenden Druck zur genialen Produktion aus. Sie hat ihre Talente geopfert, nun will sie auch etwas dafür haben. Nur als Genie ist ihr Robert real, nur in dieser Rolle vermag sie ihn anzunehmen. Nur für ein Genie ist sie freiwillig in den Schatten der Hausfrau, Mutter und rein darstellenden Künstlerin zurückgetreten. Und so platzt Roberts Schöpferkopf auseinander, entzieht sich dem Postulat des beständigen Schaffens und löst durch dieses Sich-Entziehen, das ja Claras Opfer im nachhinein sinnlos, ja lächerlich macht, die endgültige letzte Katastrophe aus.
aus: Elfriede Jelinek: Über Clara S. In: Programmheft der Bühnen der Stadt Bonn zu Elfriede Jelineks Clara S. , 1982.
Der Titel Clara S. bezieht sich auf die Pianistin
Clara Schumann
(1819-96), geb. Wieck, die als Frau von
Robert Schumann
(
Ehe
) keine weiteren eigenen Kompositionen mehr schrieb. Der Theatertext ist in zwei Teile und einen Epilog gegliedert. Über ihre Quellen hat Jelinek dem Text Folgendes nachgestellt:
„Für die musikalische Tragödie Clara S. wurden u. a. Zitate aus folgenden Werken in den Text eingeflochten:
Clara Schumann
: Tagebücher, Briefe
Robert Schumann
: Briefe
Gabriele d’Annunzio
: aus den Romanen
Tamara de Lempicka
und
Gabriele d’Annunzio
: Briefwechsel
Aélis Mazoyer
: Tagebücher
Ria Endres
: Am Ende angekommen“
Die Handlung ist im Jahr 1929 angesiedelt, wodurch mehrere Zeitebenen – die Lebenszeit von
Clara
und
Robert Schumann
sowie die des italienischen Autors
Gabriele d’Annunzio
, einem Bewunderer
Mussolinis
und des Faschismus – miteinander verschränkt werden.
Am Beispiel von Clara, die ihre musikalische Karriere für ihren Gatten opferte, wird der Mythos vom männlichen Künstlergenie (
Künstler
) und die Herabwürdigung von weiblichem Kunstschaffen (
Künstlerin
) im
Patriarchat
sowie die Reduktion der
Frau
auf Mutterschaft (
Mutter
) problematisiert.
Ort des Geschehens ist d’Annunzios Villa in Gardone am Gardasee. Clara bittet d’Annunzio um finanzielle Unterstützung für die Kompositionen ihres wahnsinnig (
Wahnsinn
) gewordenen Ehemanns Robert. D’Annunzio ist jedoch nicht an der
Musik
, sondern an Clara und deren Tochter Marie sexuell (
Sexualität
) interessiert. Am Ende erwürgt Clara ihren Ehemann, der in geistiger Umnachtung seine eigene Komposition – die fis-Moll-Sonate – nicht mehr erkennt. Im Epilog steigert sich Clara in zunehmender Raserei in ihr Klavierspiel, bis sie tot vom Hocker sinkt.
Die Uraufführung von Clara S. war für den steirischen herbst 1981 geplant. Der Grazer Schauspieldirektor
Rainer Hauer
sagte die Produktion jedoch aus Termingründen ab und begründete nach Protesten seine Entscheidung damit, dass sich der Theatertext einer „Genital- und Fäkalsphäre, oft in perverser und sadomasochistischer Art“ bedienen würde. Die Uraufführung fand 1982 an den
Bühnen der Stadt Bonn
statt.