Stecken, Stab und Stangl

Eine Handarbeit

Uraufführung am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg, 1996. Foto: Deutsches SchauSpielHaus Hamburg / Matthias Horn

Abdrucke

Erstdruck:

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  • Je­li­nek, El­frie­de

    :

    Stecken, Stab und Stangl. In: Programmheft des Deutschen Schauspielhauses Hamburg zu Elfriede Jelineks Stecken, Stab und Stangl

    1996

    (= 2. Fassung).

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Abbildung der Seite 33 des Typoskripts

Aufführungen

Würdigung

1996 wurde Jelinek für Stecken, Stab und Stangl von der Zeitschrift Theater heute zur „Dramatikerin des Jahres“ gewählt.

 

Elfriede Jelinek: [...] Für mich ist die Ermordung der Roma das katastrophalste Ereignis der Zweiten Republik. Ein Meuchelmord an vier unschuldigen und unbeteiligten Männern, die ohnehin schon ein unglaubliches Maß an Verfolgungen in diesem Land haben hinnehmen müssen. [...] Ich hatte den Wunsch, einer so unterdrückten Minderheit, die unter unglaublichen Umständen lebt, deren Kinder alle automatisch in Sonderschulen abgeschoben werden, die also gar keine Möglichkeit zur Bildung bekommen, diesen Menschen das Äußerste, was ich mir in meiner Kunst erarbeitet habe, zur Verfügung zu stellen: Für die, die sprachlos sind oder deren Sprache wir nicht verstehen, zu sprechen, das war mir sehr wichtig. [...]

Stefanie Carp: In diesem Text sind es die kollektiven Sprachen der Täter oder besser gesagt der indirekten Mittäter, der Medien, die das Ereignis verharmlosen, und des alltäglichen Geschwätzes, und die werden dann wieder gebrochen durch zitierte literarische Sprache.

In diesem Fall sind es Fetzen aus Celan-Gedichten. Ich wollte hier mit Celan arbeiten. Er ist auch eines der Opfer, das sich dann nachträglich noch ertränkt hat, weil er gesehen hat, daß weder ein Heidegger (der auch durch zwei oder drei kleine Zitate in dem Text vertreten ist) noch irgend jemand sonst Einsicht zeigt und daß sich im Grunde nichts ändert. Celan ist aus der Bukowina, die einmal zur Monarchie gehört hat, ein ostjüdischer Autor aus diesem einstmals so reichen Kulturkreis.

Was bedeutet der Titel „Stecken, Stab und Stangl“?

„Stecken und Stab“ ist ja klar, aus den Psalmen Davids. „Staberl“ als Name ist einer der Kolumnisten der Kronen-Zeitung, der an der Verschärfung des Klimas in Österreich großen Anteil hat; an der „Verhausmeisterung“, wie die Sigrid Löffler das einmal genannt hat: „Housemaster’s voice“ – so wie Bruno Walter den Anschluß Nazi-Deutschlands an Österreich einmal die „Verlederhosung“ Österreichs nannte. Damit ist gemeint: die Herrschaft des Pöbels und eigentlich auch des Ländlichen. Denn das Haider-Phänomen läßt sich eigentlich nur durch die Herrschaft des ländlichen Pöbels erklären, dem die stark multikulturell gemischte, schnelle, undurchschaubare Kultur der Großstadt fremd geblieben ist. Dieses gesunde Volksempfinden macht mir große Angst. [...] Mit „Stangl“ ist Franz Stangl gemeint, der Kommandant von Treblinka, der auch mit Zitaten vorkommt, zum Beispiel: „An manchen Tagen mußten wir an die 18.000 durchlaufen lassen.“ Und damit meint er: durch das Krematorium. In dem Titel liegt schon die ganze Vieldeutigkeit der Sprachflächen. Man kann unendlich viele Bedeutungen zu den Worten und Namen assoziieren. Im Stück heißt jeder Mann Stab. Es sind die Masken, die in jedem von uns stecken, wenn man nicht seine Handlungen kontrolliert und ständig überprüft nach Fanatismus und Ausschluß des Anderen.

aus: Stefanie Carp: „Ich bin im Grunde ständig tobsüchtig über die Verharmlosung“. In: Schauspiel-Magazin 11/1996.

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