Der kollektive Wille zur endlosen Unschuldigkeit der Österreicher führt dazu, daß sie die Schuld – und sie muß, auf Natur und nichts sonst gegründet, eine Erbschuld sein, durch Geburt erworben – immerfort den anderen zuschieben, um sie ausgrenzen, vertreiben, vernichten zu können. Die Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus, die beide in Österreich auf Natur zu gründen scheinen, mit solcher beinahe organischer Selbstverständlichkeit treten sie zutage, haben ein und dieselbe Wurzel. Sind Wiederholungen von etwas scheinbar feststehendem Gegebenen. Der österreichische Antisemitismus gründet ja vor allem im Katholizismus, in dieser österreichischen Staatsreligion (niemals habe ich in Österreich einen größeren Haß erlebt als damals beim Papstbesuch, als ein Betrunkener eine Flasche auf den Convoi des heiligen Reisenden geschleudert hatte), diesem allgemeinen Konsens, daß diese „Christusmörder“ zu eliminieren seien, auch jetzt noch, da es so gut wie keine mehr gibt. Die neueste, soeben erschienene Studie zum österreichischen Antisemitismus hat das wieder einmal nachdrücklich bewiesen. Unter größten irrationalen Wutbezeugungen österreichischer Politiker, vor allem des Wiener Bürgermeisters, der kurz vor den Wahlen die Schändung jüdischer Gräber auf dem alten Wiener Zentralfriedhof als simplen „Lausbubenstreich“ bezeichnet hat.
aus: Elfriede Jelinek: Die Österreicher als Herren der Toten. In: Literaturmagazin 29 (1992), S. 22-27, S. 23-24.
Anlässlich des Wahlerfolgs der FPÖ (
Freiheitliche Partei Österreichs
) bei der Wiener Gemeinderatswahl am
10.11.1991
. Die Ausgrenzungspolitik der FPÖ habe funktioniert, schon immer habe die österreichische Identität auf der Aufhebung fremder Identität beruht.
Fremdenfeindlichkeit
und
Antisemitismus
, der im
Katholizismus
begründet sei, scheinen in
Österreich
selbstverständlich zu sein. Mit der Lüge, dass Österreich das erste von
Hitler
(
Nationalsozialismus
) besetzte Land gewesen sei, negiere das Land seine Schuld (
Vergangenheitsbewältigung
), mache sich zum Opfer und verleugne damit die toten Opfer seiner Geschichte. Die Identität Österreichs bestehe vor allem im Zusammenschluss gegen das Fremde und Andere. In Wahrheit eine die ÖsterreicherInnen das Nichts, und daher gehöre ihnen alles.