Die Frau ist das Andere, der Mann ist die Norm. Er hat seinen Standort, und er funktioniert, Ideologien produzierend. Die Frau hat keinen Ort. Mit dem Blick des sprachlosen Ausländers, des Bewohners eines fremden Planeten, des Kindes, das noch nicht eingegliedert („ge-gliedert“) ist, blickt die Frau von außen in die Wirklichkeit hinein, zu der sie nicht gehört. Auf diese Weise ist sie aber dazu verurteilt, die Wahrheit zu sprechen und nicht den schönen Schein. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, sagt Ingeborg Bachmann. Der Ausgangsort der Dichterin ist Kärnten, jenes österreichische Bundesland, das wie ein Katapult auch schon andere Dichter und Denker von sich geschleudert hat. Es muß auch von Ortlosigkeit die Rede sein. Nicht von Heimatlosigkeit, denn das Wort Heimat ist schon besetzt, es wird am liebsten von jenen (wie auf einer riesigen Weinkost) genießerisch im Mund herumgewälzt, die – gewiß rein „daitsche“ Kärntner – den alles Bestehende verewigenden unsichtbaren Gamsbarthut wie einen Heiligenschein um den Kopf schweben haben, während sie anläßlich des alljährlichen Bachmannwettbewerbs der neuen Preisträgerin die sogenannte Sinnfrage stellen.
aus: Elfriede Jelinek: Der Krieg mit anderen Mitteln. In: Die Schwarze Botin 21 (1983), S. 149-153, S. 151-152.
Ingeborg Bachmann
sei die erste Frau der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gewesen, die das Weiterwirken von
Krieg
und Faschismus in der
Gesellschaft
und in der Beziehung zwischen
Mann
und
Frau
thematisiert habe (
Nationalsozialismus
,
Vergangenheitsbewältigung
); u.a. über Der Fall Franza, Malina, Undine geht und Drei Wege zum See.