Die Frau gibt es bereits seit der Antike, wo sie in Aufzeichnungen erwähnt wird. Als ob man sie aus einem Spielzeugbaukasten hervorgezogen hätte… Und alle Arten von Geräuschen, die sie, schwache Lebenszeichen, in der Öffentlichkeit von sich gibt, werden ihr ebenfalls von einem anonymen Sprecher untersagt. Da tritt eine auf, benannt nach der großen Dichterin Emily Brontë, sie ist Dichterin und Vampir, und sie muß Blut trinken. Wo ist dieser Saft am einfachsten und billigsten zu bekommen? In einer Arztpraxis. Daher muß Emily, der Vampir, die ewig Untote, sich als Krankenschwester bei ihrem Verlobten Heidkliff, einem Doppelarzt für Oben und Unten, also einem Zahnarzt und Gynäkologen, verdingen. Verding-lichen. Sie lebt nicht, aber ganz tot ist sie auch nicht. Sie ist da und nicht da. Sie kommt und geht, sie ist überall und nirgends. „Die lebendigen atmenden Menschen stehen im schönsten Gegensatz zu euch“, wirft ihr der Verlobte Heidkliff nörgelnd und ohne jedes Begreifen an den Kopf. Denn die baden in Wannen. Ihre Frauen sind sozial und helfen, sie tragen Hosen oder flache Schuhe. Es gibt sie. Und doch ist da noch etwas Anderes, das Unheimliche, Unergründliche, in die Tiefe Reichende dieses seltsamen Wesens, von dem keiner weiß, was es ist, obwohl wir es schon oft gesehen haben: Die Frau. Am liebsten wären die Männer unsere Ammen, Hüter unsrer Geheimnisse, aber nicht einmal der Facharzt für Gynäkologie kann begreifen, was in diesem unergründlichen blutigen Loch, aus dem er selbst einmal hervorgekommen ist, vor sich geht. Am liebsten würden sie ganz in uns hineinkriechen. Aber, um die letzten Geheimnisse zu ergründen, müßte man die Frau aufschneiden. Ihre Organe liegen verborgen, der Mann kann nie WISSEN. Dafür kann er Dinge erzeugen und Kunstwerke erschaffen. Er ist der große Meister. „Die Frau ist kein großer Meister“. Während die chinesischen Meister der Kunst, wie die Legende sagt, in ihre Bilder hineingegangen und verschwunden sind, taucht die Frau immer wieder auf, beschäftigt wie sie ist mit dem Verschwinden. Das ist die Metapher für den Vampirismus. Und wie gut, daß der Vampir am Tag pünktlich verschwindet.
Der Text für das Hörspiel beruht auf Jelineks Theatertext
Krankheit oder Moderne Frauen
(1986). Die Hörspielfassung besteht vorwiegend aus Textpassagen der ersten und letzten Szene des ersten Aktes, zudem wurden von Jelinek Textumstellungen und -einfügungen vorgenommen. Gemeinsam mit der Komponistin Patricia Jünger erarbeitete Jelinek eine Sprach- und Klangcollage. Im Typoskript ist das Figurenpersonal mit Adjektiven versehen. Die Figuren Dr. Heidkliff (leichtsinnig), Emily (unwichtig) und Ein Heiliger (beschwingt) wurden aus dem Theatertext übernommen, hinzu kommt ein Beschwichtiger (gütig), der das Gesprochene immer wieder unterbricht.
Mit einem Zitat von Eva Meyer über das Verschwinden und das Wiederauftauchen der
Frau
als Künstlerin, das auch dem Theatertext als Motto vorangestellt ist, wird das Hörspiel eingeleitet. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Heidkliff, „Facharzt für Frauen- und Kieferheilkunde“, und seine lesbische Verlobte Emily (
Homosexualität
), Schriftstellerin (
Künstlerin
), Krankenschwester und Vampirin. Um den „Beruf“ des Vampirs (
Untote
Vampir
) besser ausüben zu können, gestaltet Heidkliff auf Emilys Wunsch eine Apparatur, die es ihr ermöglicht, die Eckzähne ein- und auszufahren.
Jelinek kritisiert in ihrem Hörspieltext Machtmechanismen in der Beziehung zwischen
Mann
und Frau. Darüber hinaus ist das Medium Radio selbst Thema des Hörspiels. Eine Textpassage der erweiterten Fassung des Jelinek-Essays
Ich möchte seicht sein
von 1986 ist mit einer Passage aus Erziehung eines Vampirs verwandt, sie kommt so auch im Theatertext Krankheit oder Moderne Frauen vor.