Thomas Kürstner und Sebastian Vogel (Musiker): Welches Verhältnis haben Sie zu Wagners Musik?
Elfriede Jelinek: Ein leidenschaftliches. Ich höre einmal bewußt nicht analytisch (was man unwillkürlich ja tut, wenn man selber lange Musik gemacht hat), sondern ich schmeiße mich hinein wie ein Schwein in die Suhle. Lustvoll.
David Robert Coleman (Korrepetitor und Arrangeur): Was denken Sie über Wagners Kunst der Orchesterfarben: „Magie“, „Demagogie“, „kapitalistische Mittel der Verschleierung der Produktion“?
Elfriede Jelinek: Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz. Das hätte ich gerne näher erklärt. Ich sehe nicht, wie politische Kategorien sich in Klangfarben niederschlagen können. Aber das ist sicher möglich. Ich meine, nach diesem Gesichtspunkt habe ich, weil ich diese Musik eben fast nur emotional höre, sie noch nicht dahingehend hinterfragt. Wenn sich kapitalistische Ideologie in den Klangfarben niederschlägt, dann könnte man ja sagen, Wagners Musik wäre eine Musik der Lüge. Und wahrscheinlich stimmt das sogar.
Amelie Sturm (Kinderstatist, 9 Jahre): Warum sind die vielen verschiedenen Zwerge sich alle spinnefeind?
Elfriede Jelinek: Na ja, ich glaube, auch bei Zwergen geht es letztlich um das, was die Großen gegeneinanderhetzt: Geilheit, Gier (auch Machtgier), Neid, Eifersucht und so weiter. Bei den Zwergen vielleicht verschärft, weil sie so klein sind und ihnen die Großen sowieso immer alles wegnehmen. Im Ring des Nibelungen überlebt aber als einziger Alberich, ein Zwerg. Und er darf seinen Schatz auch wieder in Besitz nehmen. Verachtet mir die Kleinen nicht! Die holen sich schon, was sie brauchen.
aus: Benjamin von Blomberg u.a.: Ein nicht ganz gewöhnliches Interview mit Elfriede Jelinek. In: Programmheft der Staatsoper im Schiller Theater zu Elfriede Jelineks Rein Gold, 2014.
Anlässlich der Uraufführung von
Rein Gold
der
Berliner Staatsoper im Schiller Theater
stellten die Mitwirkenden der Produktion – der Dramaturg
Benjamin von Blomberg
, die Musiker
Thomas Kürstner
und
Sebastian Vogel
, der Korrepetitor
David Robert Coleman
, die SchauspielerInnen
Philipp Hauß
und
Katharina Lorenz
, die Kinderstatistin
Amelie Sturm
, die Videokünstlerin
Claudia Lehmann
, die Regieassistentin
Nora Bussenius
, die Bühnenbildnerin
Kathrin Nottrodt
, der Dirigent
Markus Poschner
, die Kostümbildnerin
Marysol del Castillo
und die Sängerin
Rebecca Teem
– je eine Frage an die Autorin über den Text, die verarbeiteten Stoffe und Motive,
Wagners
Musik
und ihren Austritt aus der KPÖ.