Pia Janke: „Rechnitz (Der Würgeengel)“ benutzt für den Hauptteil den im antiken Drama häufig verwendeten Botenbericht als grundlegende dramatische Form. Ist diese Form, also das Berichten von etwas und über etwas, nicht auch eines der zentralen Themen des Stücks?
Elfriede Jelinek: Ja, das würde ich so sehen. Das, von dem man nicht sprechen kann, wird nicht verschwiegen, aber es kann auch nur indirekt, durch Berichte, ausgesprochen werden. Die Zeitzeugen der Verbrechen sterben ja langsam aus. Bald werden wir alle nur noch von Botenberichten abhängig sein. Soweit sie eben aufgezeichnet sind. Das ist ein literarisches Problem, denn das Thema wurde ja tausendfach abgehandelt, oft in ritualisierter Form, fast wie eine Litanei. Durch Botenberichte (die man ja anzweifeln kann) kommt Authentizität hinein, gleichzeitig aber auch Unsicherheit. Es wird irgendwie herumgeschwiegen, indem ständig geredet wird. […]
Du stellst in deinem Stück vor allem die Sprache der Täter (bis heute) aus. Was ist das für eine Sprache?
Nicht nur die Sprache der Täter. Die wird zwar öfter übernommen, aber so, dass man sie als eine übernommene (eine Überidentifikation) erkennen kann. Es gibt ja viele Diskurse, nicht nur den Herrschaftsdiskurs der Täter, sondern auch den Dienerdiskurs. Das Thema wird von vielen Seiten her beleuchtet, von ein und denselben Personen. Eigentlich spricht bei mir eine Instanz, die ständig switcht, also ein Wir, das man immer erst aus dem Zusammenhang heraus identifizieren kann. Die Boten reden unaufhörlich, aber was sie sagen, muss man sozusagen zwischen den Zeilen herauslesen. Vielleicht könnte man sie mit dem Chor in der griechischen Tragödie vergleichen, nur dass sie eben nicht in die Handlung eingreifen, sie nicht einmal kommentieren oder gar herumreißen, und das Publikum, an das sich die Boten wenden, sind sie bei mir auch noch selber. Ich würde sagen, das Publikum muss sich die Person, die spricht, und deren Wahrheit erst mal sozusagen heraussuchen, so wie der Regisseur das Stück erst fertigschreiben muss.
Und die Opfer, die Toten: sind sie die Leerstellen, um die letztlich alles kreisen muss?
Die Opfer sprechen nicht. Sie entstehen, indem rund um sie herum unaufhörlich gesprochen wird. Sie sind die „hollow men“ (die ja auch bei T. S. Eliot ganz anders interpretiert werden können. Ich habe ihnen meine eigene Interpretation gegeben, sozusagen aufgepropft).
aus: Pia Janke: „Diese falsche und verlogene Unschuldigkeit Österreichs ist wirklich immer mein Thema gewesen.“ Elfriede Jelinek im Gespräch mit Pia Janke. In: Janke, Pia / Kovacs, Teresa / Schenkermayr, Christian (Hg.): „Die endlose Unschuldigkeit“. Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“. Wien: Praesens Verlag 2010 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE. Publikationen des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums 6), S. 17-23, S. 20-21.
Über das Massaker von Rechnitz, ihre Quellen (
Buñuel
,
Litchfield
, Totschweigen, Die Bakchen), das Orgiastische und den
Kannibalismus
im Stück
Rechnitz (Der Würgeengel)
, die Sprache der Täter, die Familie Thyssen und das Verbot des Stücks in
Österreich
. Die Sprechposition im Text beschreibt sie als „eine Instanz, die ständig switcht, also ein Wir, das man immer erst aus dem Zusammenhang heraus identifizieren kann“. Den heutigen Umgang mit dem
Nationalsozialismus
in Österreich bezeichnet sie als „eine Mischung aus Ständig-Darüber-Sprechen, also einem ritualisierten, gebetsmühlenhaften Sprechen, mit dem die Taten der Vergangenheit verurteilt werden [...], und der totalen Verleugnung bei der extremen Rechten“ (
Vergangenheitsbewältigung
,
Rechtsradikalismus
).