Elfriede Jelinek: Aber du hast von Anfang gewußt, daß du Dramatiker bist?
Wolfgang Bauer: Ja, das ist ein eigenartiger Punkt, den man eigentlich gar nicht untersuchen sollte, der aber interessant ist: Warum beginnt man zu schreiben? Warum fürs Theater? Der freie Schriftsteller muß ja erstens unheimlich gut sein, damit er leben kann. Zweitens muß er irgendwann einmal, um davon leben zu können, zufällig ein zeitgeistiges Phänomen erwischen, das es ihm ermöglicht, ein großes Publikum anzusprechen. Es geht jetzt nicht um die magische Qualität des jeweiligen Kunstwerks, sondern es geht oft um ein Mißverständnis. […] Der Erfolg von „Magic Afternoon“ in Deutschland ist sicherlich aus einem vollkommenen Mißverständnis entstanden. Das Stück wurde als bewußte Sozial- und Zeitkritik gesehen, aber das war’s nicht für mich. Für mich war die Konstellation wichtig, die eigentlich archaische Konstellation, die da passiert, die von mir nicht konstruiert wurde, sondern die beim Schreiben entsteht. Daß da soundsoviele Zeitfaktoren automatisch mitspielen, ist nicht nur Zufall, sondern logisch.
Elfriede Jelinek: Bei mir war offenbar zu wenig Mißverständnis, denn das erste Stück hat’s schon sehr lang gegegeben, bis es aufgeführt worden ist. Auch die anderen gab’s jahrelang, bevor einer sie aufführte. Das habʼ ich noch nie erlebt, daß jemand gewartet hätte, daß ich ein Stück schreibe. Jetzt werden meine Stücke aber manchmal nachgespielt. Ich laufe da jetzt über die Schiene „Frau und Familie“, das ist auch wieder ein Marktbegriff. Da denken sich die Theater, „nehmen wir einmal eine Frau dazu“.
aus: Karin Kathrein: Der Autor ist heute am Theater das Letzte. „Bühne“-Gespräch mit Elfriede Jelinek und Wolfgang Bauer. In: Bühne 5/1991, S. 12-18, S. 14.
Anlass des Gesprächs zwischen Jelinek und
Wolfgang Bauer
ist die Uraufführung von
Körperliche Veränderungen
und
Der Wald
bei den
Wiener Festwochen;
ein weiterer Ausgangspunkt ist das Drama Ach armer Orpheus von
Bauer
, das am
Wiener Schauspielhaus
uraufgeführt wird. Die beiden AutorInnen sprechen über ihre Stücke,
Theaterästhetik
, Komik, Kalauer und die Wiener Theaterszene. Jelinek kritisiert den Umgang mit den AutorInnen am Theater, spricht über die szenische Realisierbarkeit ihrer Stücke und konstatiert, dass das Medium Theater ihrem „Wunsch zu stilisieren“, zu vergrößern und exemplarisch zu überzeichnen, entgegen kommt. Die Komik in ihren Texten komme daher, „dass die Leute auf der Bühne ständig das sagen, was sich die Leute zwar denken, aber was sie nie sagen würden“. Die Kalauer verwendet sie „aus politischen Gründen, um Dinge klarzumachen“ (
Politik
). Auch
Lust
,
Präsident Abendwind
und
Totenauberg
werden angesprochen.