Adolf-Ernst Meyer: […] Wortwiederholung trifft Ihr Vorgehen nicht genau, denn meist wird eine subtile Wortabwandlung wiederholt.
Elfriede Jelinek: Es ist so eine Art der Kalauer-Rückführung oder Kalauerisierung, es nimmt die Sprache beim Wort.
Es ist eben kein Kalauer, weil der neue Kontext den Sinn vollkommen umdreht. […] „Die Men-schen müssen sich rentieren, bis sie ihre Rente erreicht haben.“ Fällt ihnen das zu, oder ist es das Resultat eines Suchtprozesses?
Das möchte ich selber gerne wissen. Irgendwie sind meine Ganglien offenbar so lose verdrahtet, daß ich einen ständigen Assoziationszwang habe. Wenn ich ein Wort höre, auch im Alltag, muß ich zwanghaft sofort Alliterationen, Paraphrasen, Metathesen herstellen, Silben vertauschen. Das ist übrigens eine sehr alte Technik, die schon die griechischen Grammatiker angewendet haben. Es ist also ein sehr alter Wunsch, die Sprache selbst zu zwingen, die Wahrheit zu sagen und ihren Ideologiecharakter preiszugeben. So wie Heidi Pataki, eine Kollegin, in Angrammen über Waldheim-Ansprüche immer zwei Buchstaben übrigbehalten hat, immer SA und SS. Die Sprache selbst spricht ja, und ich lasse sozusagen ihren tendenziösen Inhalt immer wieder aufbrechen. Aber dieser Assoziationszwang, hat man mir gesagt, den haben haben auch Schizophrene. Irgendwie soll man es auch biologisch verfolgen können, daß meine Synapsen loser verkabelt sind als bei anderen oder so.
aus: Meyer, Adolf-Ernst: Elfriede Jelinek im Gespräch mit Adolf-Ernst Meyer. In: Jelinek, Elfriede / Heinrich, Jutta / Meyer, Adolf-Ernst: Sturm und Zwang. Schreiben als Geschlechterkampf. Hamburg: Verlag Klein 1995, S. 7-74, S. 46-47.
In diesem ausführlichen Interview geht es um ihre schriftstellerische Tätigkeit in Zusammenhang mit dem Geschlechterkampf und ihre
Schreibverfahren
. Dabei werden fast alle ihrer bisherigen Werke besprochen (vor allem
Krankheit oder Moderne Frauen
,
Totenauberg
,
Die Ausgesperrten
,
wir sind lockvögel baby!
,
Michael
,
Die Klavierspielerin
,
Burgtheater
,
Lust
und
Die Liebhaberinnen
). Auch über
Psychoanalyse
, Persönliches und Biographisches (
Person
), ihre
Mutter
und ihren
Vater
. Das zentrale Problem der Frauen (
Frau
) besteht für sie darin, „einerseits eine weibliche Identität ausbilden zu müssen und andererseits zu realisieren, dass das Sprechen einer Frau als Anmaßung angesehen wird“ und somit auch das Kunstschaffen von Frauen im
Patriarchat
(
Mann
) herabgewürdigt wird. Veranschaulicht wird dies am Beispiel von
Marieluise Fleißer
. Im Kontext ihres Theatertextes
Krankheit oder Moderne Frauen
über Vampirismus (
Vampir
), weibliche und männliche
Sexualität
. Kritisch reflektiert sie den Begriff
Heimat
und vergleicht das Leben in Wien mit ihren Aufenthalten in der Steiermark. Am Beispiel von
Totenauberg
über die Beziehung von
Martin Heidegger
und
Hannah Arendt
sowie deren
Philosophie
und über das
Judentum
,
Antisemitismus
,
Tourismus
in
Österreich
und Faschismus. Sie skizziert die Entwicklung ihrer
Theaterästhetik
von den frühen Stücken bis zu den aktuellen Arbeiten fürs Theater, kritisiert die Abwesenheit von Frauen im Musikbetrieb sowie die
Fremdenfeindlichkeit
und „Geistfeindlichkeit, die sich im Grund gegen uns Künstler und Intellektuelle richtet“ in Österreich. Ausgehend von
Burgtheater
über die Karriere von
Paula Wessely
im
Nationalsozialismus
und der Nachkriegszeit und den Holocaust (
Judenvernichtung
,
Nationalsozialismus
). Weiters über den
Feminismus
, Kriminalliteratur und reale Kriminalfälle,
Masochismus
und
Pornografie
,
Mode
und Make-up.